Gemeinschaften leben davon, dass Menschen sich aneinander binden. Sie investieren Zeit, übernehmen Verantwortung, teilen Erinnerungen und entwickeln im Laufe der Jahre ein gemeinsames Verständnis davon, was Freundschaft, Loyalität oder Zugehörigkeit bedeuten sollen. Je länger eine Gemeinschaft besteht, desto größer wird dieses gemeinsame Bindungskapital. Gerade deshalb entsteht leicht der Eindruck, eine lange gemeinsame Geschichte sei zugleich eine Garantie für die Stabilität der Beziehung. Doch genau an dieser Stelle könnte ein Irrtum beginnen, der für identitätsstiftende Gemeinschaften von erheblicher Bedeutung ist.
Ich möchte diesen Irrtum als Bindungskalkulationsfehler bezeichnen.
Gemeint ist damit nicht die falsche Einschätzung, ob zwei Menschen einander mögen oder ob eine Gemeinschaft ihren Mitgliedern wichtig ist. Der Fehler liegt tiefer. Er besteht in der Annahme, dass eine starke Bindung zugleich eine hohe Bereitschaft bedeutet, Belastungen, Kränkungen oder auch den Entzug von Zugehörigkeit dauerhaft hinzunehmen. Anders formuliert: Die Stärke der Bindung wird mit ihrer unbegrenzten Belastbarkeit verwechselt.
Diese Annahme wirkt zunächst plausibel. Wer seit Jahrzehnten Teil einer Gemeinschaft ist, wer Freundschaften aufgebaut, Verantwortung übernommen und einen erheblichen Teil seiner Biografie innerhalb dieses sozialen Zusammenhangs verbracht hat, scheint über besonders hohe Loyalität zu verfügen. Gerade deshalb entsteht leicht die Erwartung, dass Konflikte letztlich überwunden werden, dass kritische Phasen vorübergehen und dass auch schwerere Spannungen die Zugehörigkeit nicht grundsätzlich in Frage stellen. Die lange gemeinsame Geschichte wird damit unmerklich zu einer Ressource, auf deren Verlässlichkeit sich die Gemeinschaft verlässt.
Genau darin könnte jedoch der Kalkulationsfehler liegen.
Denn starke Bindung bedeutet zunächst nur, dass viel investiert wurde. Sie sagt nichts darüber aus, unter welchen Bedingungen ein Mensch bereit ist, diese Bindung aufrechtzuerhalten. Im Gegenteil: Gerade wer über Jahre hinweg erhebliche emotionale und biografische Ressourcen in eine Gemeinschaft investiert hat, entwickelt häufig klare Vorstellungen davon, welche Werte diese Gemeinschaft tragen sollen. Wird der Eindruck gewonnen, dass genau diese Werte dauerhaft verletzt werden, kann die Stärke der Bindung den späteren Austritt nicht verhindern. Sie macht ihn lediglich schmerzhafter.
Aus organisationspsychologischer Sicht ist dies ein bemerkenswertes Paradox. Gemeinschaften interpretieren langjährige Zugehörigkeit häufig als Zeichen besonderer Stabilität. Tatsächlich kann dieselbe lange Zugehörigkeit aber dazu führen, dass Grenzverletzungen als besonders gravierend erlebt werden. Nicht weil langjährige Mitglieder empfindlicher wären, sondern weil sie mehr zu verlieren haben. Wer in einer Gemeinschaft lediglich Freizeit verbringt, verliert bei einem Austritt eine Aktivität. Wer in ihr einen Teil seiner Identität entwickelt hat, verliert möglicherweise einen biografischen Bezugspunkt. Gerade deshalb wird die Entscheidung zu gehen häufig nicht leichtfertig getroffen. Sie steht meist am Ende eines langen inneren Prozesses.
Hier zeigt sich eine zweite Besonderheit des Bindungskalkulationsfehlers. Von außen erscheint der Austritt häufig überraschend. Für diejenigen, die in der Gemeinschaft verbleiben, scheint eine zuvor stabile Beziehung plötzlich und unerwartet zu enden. Nicht selten entsteht der Eindruck, der Betroffene habe überreagiert oder impulsiv gehandelt. Aus seiner eigenen Perspektive stellt sich die Situation jedoch oft völlig anders dar. Der eigentliche Ablösungsprozess begann möglicherweise Monate oder Jahre zuvor. Nach außen blieb die Bindung sichtbar, innerlich hatte sich ihre Bedeutung jedoch bereits verändert. Die Überraschung entsteht somit weniger durch den Austritt selbst als durch die unterschiedliche Wahrnehmung seines zeitlichen Verlaufs.
Besonders folgenreich wird der Bindungskalkulationsfehler dort, wo Gemeinschaften beginnen, auf der Grundlage ihrer Fehleinschätzung zu handeln. Wer davon überzeugt ist, dass ein Mitglied aufgrund seiner starken Bindung ohnehin bleiben wird, geht größere Risiken ein. Konflikte werden weniger sorgfältig bearbeitet, Kritik wird leichter übergangen und sozialer Druck erscheint folgenlos. Nicht notwendigerweise aus bewusster Rücksichtslosigkeit, sondern weil die Stabilität der Beziehung als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Die Gemeinschaft beginnt gewissermaßen, auf das vorhandene Bindungskapital zu vertrauen, ohne zu bemerken, dass sie gleichzeitig dessen Grundlage belastet.
Vielleicht erklärt dies auch eine Erfahrung, die in identitätsstiftenden Gemeinschaften immer wieder beschrieben wird. Gerade diejenigen Mitglieder, deren Weggang später als besonders schmerzhaft empfunden wird, waren zuvor häufig diejenigen, deren Loyalität am wenigsten in Frage gestellt wurde. Ihre Bindung galt als so selbstverständlich, dass ihre Grenzen kaum noch wahrgenommen wurden. Erst ihr tatsächlicher Austritt macht sichtbar, dass auch starke Bindung nicht unbegrenzt verfügbar ist.
An dieser Stelle lohnt eine begriffliche Unterscheidung. Der Bindungskalkulationsfehler besteht nicht notwendig darin, die Stärke einer Beziehung falsch einzuschätzen. Häufig ist die Bindung tatsächlich außerordentlich groß. Falsch eingeschätzt wird vielmehr ihre Funktion. Bindung wird als Garantie interpretiert, obwohl sie in Wirklichkeit eine Ressource darstellt, die gepflegt werden muss. Gemeinschaften leben nicht von der einmal erreichten Intensität ihrer Beziehungen, sondern von ihrer Fähigkeit, diese Beziehungen auch unter Belastung zu erhalten.
Damit verschiebt sich auch die Bedeutung von Loyalität. Loyalität ist keine unbegrenzte Bereitschaft, jede Form von Belastung zu akzeptieren. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Beziehung, die auf Gegenseitigkeit beruht. Wird diese Gegenseitigkeit dauerhaft aufgehoben, verliert Loyalität ihren beziehungsstiftenden Charakter und kann in Selbstaufgabe umschlagen. Gerade Menschen mit hoher Bindung erleben diesen Übergang häufig besonders bewusst. Nicht weil ihre Loyalität geringer geworden wäre, sondern weil sie erkennen, dass Loyalität gegenüber einer Gemeinschaft nicht die Aufgabe der eigenen Würde einschließen darf.
Vielleicht erklärt der Bindungskalkulationsfehler deshalb mehr als nur überraschende Austritte. Er verweist auf eine grundsätzliche Gefahr identitätsstiftender Gemeinschaften. Je stärker ihre Mitglieder gebunden sind, desto größer kann die Versuchung werden, diese Bindung als selbstverständlich zu behandeln. Doch Bindung ist kein Vorrat, von dem beliebig gezehrt werden kann. Sie ist ein Beziehungskapital, das von Vertrauen, Gegenseitigkeit und dem Respekt vor den Grenzen seiner Mitglieder lebt. Wo Gemeinschaften beginnen, die Stärke der Bindung mit ihrer Unerschöpflichkeit zu verwechseln, entsteht ein Irrtum, dessen Folgen häufig erst dann sichtbar werden, wenn die Beziehung bereits verloren gegangen ist.